6. Schlussfolgerungen und Diskussion

Eine Online-Zweiklassengesellschaft wird es auch in Deutschland geben. Es ist nur die Frage, wie stark und mit welchen Qualitätsunterschieden wird sich diese Kluft definieren.

Womöglich viel wichtiger für die Zukunft ist etwas anderes. Und das hat nur mittelbar mit dem Internet zu tun: Wer viel surft, wird sich rasch nicht mehr mit den Standard-Einstellungen seines Rechners zufrieden geben. Er wird Filme betrachten wollen, Musik herunterladen, vielleicht Bilder bearbeiten oder selbst welche ins Netz stellen. Dafür muss er Software herunterladen, installieren, Fehlermeldungen verstehen, Datenbanken lesen können und vielleicht auch mal seinen PC aufschrauben oder einen CD-Brenner einbauen. Kurz: Wer viel surft, ist zwangsläufig geübter im Umgang mit dem Computer, erlernt leichter neue Technologien etc. Neue Software kann ihn nicht schrecken. Das ist sein Vorteil.

Das Online-Sein verändert das Bewusstsein, dafür liefern die Meinungsforschungsinstitute weitere Indizien: Mehr als zwei Drittel der Viel-Surfer finden es beispielsweise großartig, rund um die Uhr im Netz einkaufen zu können. Das ist erst mal nicht überraschend. Aber 50 Prozent verlangen im realen Leben einen ähnlichen Komfort: Sie wollen auch am Sonntag durch die realen Läden stöbern können, denn virtuelles Shoppen ist nicht sinnlich. Ein Online-Shop, in dem man die Ware nicht anfassen oder anprobieren kann, hat ein Problem ­ es sei denn, der Shop verkauft Waren, bei denen es darauf nicht ankommt: Netz-Shopper kaufen vor allem Bücher und Software, Musik-CDs und Computerspiele.

Das Fernsehen der Zukunft heißt Internet und es hat ein Interesse daran die Fernsehzuschauer zu aktivieren, denn wer Aktiv ist, verliert sich nicht an seiner Chipstüte und dem Glas Bier sondern konsumiert richtig.
Und bis dahin lässt sich der digitale Graben durch Deutschland nur reduzieren, wenn die alte sozialdemokratische Idee von der Chancengleichheit neu aufgelegt wird ­ was in den siebziger Jahren für das Bildungssystem galt, muss heute auf das Internet angewendet werden.
Das bedeutet einen erheblichen personellen und finanziellen Aufwand, mehr als einfach nur ein paar Rechner in die Schulen zu stellen.

So verlangen deutsche Experten eine Online-Offensivkampagne, die Vorbereitung darauf, dass sich in den nächsten Monaten und Jahren die Welt immer mehr vernetzt und dass jeder, der nicht vernetzt ist, den Anschluss an die Welt verlieren wird.

Das Internet ist mehr als ein Kommunikationsmittel, es ist ein Lifestyle, das die Art und Weise verändert, wie die Deutschen lernen und arbeiten, produzieren und konsumieren, denken und leben (vgl. Bild 10) ­ je schneller und je mehr Bundesbürger das begreifen, desto besser. Wir befinden uns heute in einer Phase des Überganges von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft in ein virtuelles und digitales Zeitalter.

Nicht Menschen und Maschinen, wie zu Beginn der industriellen Revolution sondern Menschen, die über Informationen und Datenbanken verfügen, werden im Vordergrund einer neuen Revolution stehen.


Bild 10: Die neuen Online-Deutschen, nur eine Fiktion oder bald Wirklichkeit?

In der neuen Multi-Media-Informations-gesellschaft sind Bits und Bytes weit besser, schneller und kostengünstiger von einem Ort zum Anderen zu bewegen als Menschen.

Es stellen sich viele Fragen, können wir alle Mithalten, welche Kosten kommen auf den Normalbürger zu, beginnt ein technologisches Wettrüsten um die besseren Jobs, Ausbildungen, Informationsangebote und wer vermittelt wem zu welchem Preis die nötigen, wichtigen Informationen für den Einstieg in die neue industrielle Revolution?

Ich möchte aber an dieser Stelle auch die Online-Skeptiker in meinem Vortrag zu Wort kommen lassen: Diese erblicken im Internet eher ein Medium, das unsere Kommunikationsstrukturen ruiniert und die Öffentlichkeit weiter fragmentiert. Hier einige Beispiel, die ich persönlich nur eingeschränkt teile:

  • Interaktivität und die Rede vom "aktiven Publikum" ist ein Mythos, der bereits die Propheten des Kabelfernsehens und des Digital-TV verblendet hat.
  • Mit der Zahl der User steigt die Zahl der Nischen, in denen weltweit jeder seine Eigenbröteleien ausleben kann. Dabei wird mehr Informationsmüll als Informationsnutzen produziert.
  • Weltweit drohen die Gesellschaften auseinander zu fallen in User, die das nötige Geld und Know-how mitbringen, und in Nicht-User, die weder die nötigen ökonomsichen Ressourcen aufbringen können, noch das vom Internet geforderte emotionale und kognitive Abstraktionsvermögen.
  • Im Internet vermehren sich Anonymisierung, Individualisierung und Segmentierung.
  • Das Internet ist ein idealer Raum für das (organisierte) Verbrechen.
  • Das Internet ist kein moderner Ersatz für herkömmliche Kommunikationswege. Papier, Fax, Telefon werden genau so oft benutzt wie früher.
  • Telearbeiter reisen mehr als ihre Bürokollegen, die interkontinentale elektronische Telekommunikation hat zu mehr Fernflügen geführt.

Mit der Attraktivität des Marktes "Internet" nimmt auch die Einflußnahme und Kontrolle des Internets zu. Es kann keiner Firma aber auch keiner Volkswirtschaft egal sein, was da im Internet vor sich geht. Längst ist das auch nicht mehr die Hauptfrage, sondern es geht vielmehr darum, wie bekomme ich möglichst viel aus dem User heraus.

Ein Beispiel: es gibt eine Menge Programme, die nur eines im Sinn haben, die Surfgewohnheiten des Users zu protokollieren, und jedesmal wenn man irgendwo vorbeisurft, recherchiert, vielleicht im Shop etwas einkauft, kann das gespeichert werden. Über sogenannte "Cookies" werden diese Daten auf der eigenen Festplatte zum Abruf bereit gehalten. Natürlich sind das Dinge, die sich ganz hart am Rande der Legalität bewegen können und u.U. die Grundrechte auf Meinungsfreiheit und den Schutz des Individuum und seines Privatlebens tangieren können ...

Machen Sie einmal selbst zu Hause den Test und schauen auf Ihrem Rechner nach. Ich war selbst verblüfft, nach nur drei Monaten regelmäßigem Surfen im Netz fand ich auf meiner Festplatte über 300 Cookies! Und durch die neuen Browserversionen, die bei der Installation von vornherein in einem relativ niedrigen Sicherheitslevel fahren, erleichtern diese Programme das vergleichsweise kostengünstige ausspionieren des eigenen Computers. So etwas schreit nach einer persönlichen Firewall. Wie bereits gesagt, wer sich online auskennt, für den ist auch die einrichtung einer Firewall kein echtes Problem.

Dabei sollte man aber nicht nur Negativ über das Internet denken; es muß das alles nicht Schlimmes sein, gesunde Vorsicht ist wohl der goldene Mittelweg zwischen Online-Euphorie und Online-Phobie.

Neben Skeptiker, die gerne mit der "Verschwörungstheorie" argumentieren, gibt es auch die andere Seite: den Nutzen für den User, denn nur dadurch sind die explosionsartigen Wachstumsraten des Internets zu erklären.. Der User möchte im Internet vor allem Informationen, Unterhaltung, einen echten Nutzen und neuerdings auch zunehmend konsumieren.

Dies ist nur über Datenanalyse, Auswertung von Gewohnheitsprofilen etc. zu befriedigen. Fragen Sie sich doch einmal selbst, liegt nicht im Internet auch die Chance einer kostengünstigen Kundenbindung via Online-Dialogmanagement, das Direktmarketing der Zukunft?

Ich möchte die Frage offen lassen und Sie nur teilweise mit folgender Frage beantworten: Warum gehen Sie so gerne zu Ihrem Bäcker um die Ecke? Genau, der weiß nämlich ganz genau, das Sie kein Vollkornbrot mögen, am Wochenende immer acht gemischte Brötchen brauchen und auch gerne gleich die Bildzeitung mitnehmen, ohne das die Anderen Kunden das sehen, wenn man "Bild" ließt. Solch ganz individuelle Neigungen lassen sich im Internet ohne Probleme bereits heute realisieren, wie gesagt, schauen Sie sich mal Ihre "Cookies" zu hause an.

Ich verwende das Internet für E-Mails und seiner sagenhaften Vielfalt an Informationen, die ich woanders in der schnellen Zeit niemals finden würde, ganz zu schweigen von den Kosten.

Es muss ja nicht immer alles zur Sucht ausarten.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Ich freue mich auf eine interessante Diskussion.

1. Begrüßung
2. Einleitung
3. Faktoren - 3.1 Allgemeines
3.2 Alter und Geschlecht
3.3 Haushaltsnettoeinkommen
3.4 Schulbildung
3.5 Standort
3.6 Arbeitslosigkeit
3.7 Domains
3.8 Bedürfnisse der Menschen
3.9 Zusammen-fassende Übersicht
4. Auswirkungen einer Online-Zweikl@ssen-gesellschaft

5. Gegenmaßnahmen
Beispiel 1: Werbekampagne AOL und Boris Becker

Beispiel 2: Aktionspro-gramm der Bundesregierung "Internet für Alle"
6. Schlussfolgerungen und Diskussion
7. Quellen
8. Weitere Informationen
8.1 Situation auf dem Internet-Markt in Deutschland
8.2 Wie sieht es weltweit mit dem Internet aus?
8.3 "Feindstaaten des Internet" (Stand 2001)
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